Unterwegs auf dem Meditationsweg Ammergauer Alpen

Schritt für Schritt zur eigenen Mitte: Körpertherapeut Norbert Parucha führt auf dem Mehrtageswanderweg zu Kraftzentren der Region, öffnet die Augen und sensibilisiert die Sinne

Bad Bayersoien. „Im bewussten Gehen endet alle Hektik, jedes Gefühl von getrieben sein“, sagt Norbert Parucha. Er ist Körpertherapeut und führt über den Meditationsweg Ammergauer Alpen. Hinter ihm sechs Frauen und vier Männer, die sich zufällig zu dieser geführten Wanderung zu den Kraftorten der Region zusammengefunden haben.

 Die Vögel zwitschern, die Sonne scheint über dem Soier See, dem Startpunkt der elf Kilometer langen Tagesetappe. Ziel ist die Scheibum, ein beeindruckender Felsdurchbruch, den die Ammer im Laufe von Jahrmillionen geschaffen hat und der seit 1949 unter Naturschutz steht. Schon nach wenigen Minuten herrscht Ausflugsstimmung, man kommt ins Gespräch – übers Wetter, über die Passionsspiele, die zwar nur alle zehn Jahre hier aufgeführt werden, aber dennoch allgegenwärtig sind, über die Finanzkrise in der EU. Bis Norbert Parucha sich umdreht und freundlich, aber bestimmt, 30 Schweigeminuten verhängt.

 Noch ein paar Sprüche, dann lassen sich alle drauf ein. Marschieren schweigend des Weges. Vorbei an saftigen Wiesen durch die oberbayerische Bilderbuchlandschaft. Von Ferne dringt der Ruf eines Esels herüber, oder ist’s doch nur ein gewöhnlicher Hund im Stimmbruch? Dann wird das Rauschen der Ammer immer lauter. Die Wanderer konzentrieren sich auf dem Weg hinunter in die Schlucht auf ihre Schritte. Der eine oder andere mag sich fragen, ob die Blätter über ihm nun Buchen oder Eichen sind und warum der Waldboden darunter wohl so grün ist.

 Dann sind die 30 Minuten auch schon vorüber und Norbert Parucha wirkt zufrieden. Keiner mag laut reden – obwohl’s wieder erlaubt wäre – jeder scheint bei sich. Und bestens vorbereitet auf die erste Atemübung: Bewusst tief einatmen, bewusst tief ausatmen, die Augen schließen, im breiten Stand mit den Beinen den Boden und die eigene Verwurzelung spüren, die Erde, die mich trägt.

 „Vielen fällt es schwer, erst einmal runterzukommen und sich fürs Wesentliche zu öffnen“, sagt Norbert Parucha, der schon seit zwei Jahrzehnten auf den Pilgerpfaden Europas unterwegs ist. Und in dieser Zeit gelernt hat, seine Teilnehmer dort abzuholen, wo sie sind. „Erst wenn ich zentriert und bei mir selbst bin, kann ich wieder spüren, was das Außen mit mir macht und in welcher Wechselbeziehung ich zu meiner Umgebung stehe“, erklärt der 59-jährige Experte, der die Wanderer Schritt für Schritt zur eigenen Mitte führen und sie für sich und ihre Umwelt sensibilisieren möchte.

 Norbert Parucha hat den Meditationsweg Ammergauer Alpen vor zwei Jahren mit konzipiert. Von der Wieskirche nahe Steingaden – einem berühmten Unesco-Weltkulturerbe – über das Passionstheater in Oberammergau und Kloster Ettal bis zu Schloss Linderhof im Graswangtal sind es rund 85 Kilometer, auf denen sich die Kraftorte der Region wie Perlen einer Kette aneinanderreihen. „Kraftorte sind Orte mit besonderer Energie wie etwa Quellgebiete oder keltische Gebetshügel, auf denen die Christen später ihre Kirchen errichteten“, erklärt der Experte. „Wenn wir uns öffnen, können wir diese Kraft auch heute noch spüren.“

 Dem einfühlsamen Begleiter geht’s beim meditativen Wandern immer um Grundsätzliches. Wohin die Reise mit ihm führt und welche Einsichten gewonnen werden, hängt allerdings von jedem selbst ab. „Ich kann nur Anregungen geben“, sagt er. Und berichtet beim Weiterwandern von einer Trauergruppe, mit der er kürzlich in den Ammergauer Alpen unterwegs war. Von Verlust, von Tränen und dann von neuen Lebensentwürfen.

 Der Weg führt jetzt steil bergan, durch lichten Wald und immer begleitetet vom Rauschen der Ammer. Wo kann Natur schöner sein, was braucht man mehr? Längst hat keiner mehr Sprüche drauf, die Gespräche sind ehrlicher, weniger von Selbstdarstellung geprägt. Man redet über verpasste Chancen, im Job und privat, und darüber, was man meint, wirklich zu wollen.

 Plötzlich kommt die Scheibum ins Blickfeld – der imposante, 600 Meter lange und 80 Meter tiefe Felsdurchbruch, den die Ammer ins Gebirge gegraben hat. Norbert Parucha zitiert Laotse, der schon im 6. Jahrhundert vor Christus die Kraft des weichen Wassers reflektierte. Mit geschlossenen Augen und selbstverständlich bewusster Atmung lauschen die Teilnehmer Norbert Paruchas Stimme, versenken sich bereitwillig in die Meditation. 20 Minuten später ist’s wie ein Aufwachen nach einem entspannten Mittagsschlaf.

 Gemächlich setzen sich die Teilnehmer wieder in Bewegung und steuern die Schleierfälle an: Eine steile, mit Moos bewachsene Felswand, über die das Wasser in unendlicher Gleichmut rinnt. Seit Jahrhunderten. Einige versinken in Gedanken, mögen sich gar nicht trennen von diesem verwunschenen Platz im Märchenwald. Irgendwann geht’s weiter. Die heutige Etappe endet nach gut fünf Stunden im Gasthaus Acheleschwaig, das idyllisch und abgeschieden an der Ammer liegt. Kaiserschmarrn, Schweinsbraten oder doch das legendäre Schnitzel? Entscheidungen größerer Tragweite müssen vorerst nicht getroffen werden.

 Vielleicht morgen eine weitere Etappe auf dem Meditationsweg? Auch wer ohne Führung wandert, begegnet vielen Impulsgebern – vom chinesischen Philosophen Laotse über den heiligen Augustinus bis zu Häuptling Seattle aus Nordamerika. Denn der Weg ist von 15 Stationen gesäumt, die an zentralen Punkten zur inneren Einkehr laden: Tafeln informieren über den jeweiligen Standpunkt oder das (Natur-)Denkmal und seine spirituelle Bedeutung, laden darüber hinaus zu Körper- und Atemübungen ein. Über allem steht als Leit-Symbol das brennende Herz der Augustiner, die seit dem 12. Jahrhundert bis zur Säkularisation die Menschen hier prägten.

 

Allgemeines

Der Meditationsweg Ammergauer Alpen führt von der Wieskirche nahe Steingaden über 85 Kilometer bis zu Schloss Linderhof. Er ist mit dem Symbol des brennenden Herzens ausgeschildert und verbindet die Kraftorte der Region. An 15 markanten Stellen laden Informations-Stelen zur inneren Einkehr. Gut aufbereitete Informationen finden sich unter www.brennendes-herz.de. Bei der Ammergauer Alpen GmbH kann die 84-seitige Broschüre zum Meditationsweg bestellt werden. Sie enthält neben den konkreten Wegbeschreibungen Wissenswertes über die Region sowie ihre Kraftorte und gibt meditative Impulse. Wer mag, kann sich unter www.ammergauer-alpen.de die App zum Meditationsweg herunterladen. Sie unterstützt bei der Navigation über die 15 Stationen, weist auf zusätzliche Sehenswürdigkeiten hin und offeriert ein akustisches Vergnügen: Die gesprochenen Meditationstexte, denen man in aller Ruhe lauschen kann, während man die beeindruckende Kulisse vor Ort genießt.

Übrigens: Seit Herbst 2011 ist der Meditationsweg Ammergauer Alpen um zahlreiche Attraktionen reicher. Denn der Weg führt nun auch ins benachbarte Blaue Land und leitet Sinnsuchende zu Kraftzentren wie die Kirche „Ähndl“, den Staffelsee und das Münter-Haus

Geführte Wanderungen

Norbert Parucha führt regelmäßig über den Meditationsweg Ammergauer Alpen. Die Tageswanderungen mit ihm kosten 20 Euro pro Person, ermäßigt 15 Euro. Ein besonderes Erlebnis sind mehrtägigen Touren, die in unterschiedlichen Varianten angeboten werden. Eine komplette Woche ist man beim Arrangement „In sich gehen“ unterwegs. Am Beginn steht eine Orgelmeditation in der Wieskirche, neben sechs Übernachtungen in Mittelklassehotels ist auch einmal die urige Hütte am Aussichtsberg Hörnle Quartier: Frühaufsteher treffen sich zum Sonnenaufgangs-Meditation, bevor der Tag beginnt. Weiterhin gibt es die Möglichkeit, an einem meditativen Kreistanz im Kloster Ettal teilzunehmen. Das Arrangement kostet inklusive Verpflegung, (Gepäck-)Transfers und Eintrittsgeldern ab 850 Euro pro Person im Doppelzimmer.

Weitere Informationen: Ammergauer Alpen GmbH, Eugen-Papst-Str. 9a, D-82487 Oberammergau, Tel.: +49 (0) 8822 /922 740, info@ammergauer-alpen.de, www.ammergauer-alpen.de