Der Ammergauer Alpen Blog

Nationalpark oder Naturpark: Wo liegt der Unterschied?

Nationalpark oder Naturpark – könntet Ihr den Unterschied erklären? Wir haben uns schlau gemacht und mit Dominik Landerer, Ranger im Naturpark Ammergauer Alpen, gesprochen.

 

Dominik, die Begriffe „Nationalpark“ und „Naturpark“ werden häufig verwechselt oder sogar gleichgesetzt. Das ist nicht korrekt, oder?

Stimmt, Nationalparks und Naturparks sindzwei unterschiedliche Begriffe. Die beiden Parks unterscheiden vor allem hinsichtlich ihrer Schutz- und Nutzungsziele.

Okay, dann schauen wir doch einmal genauer hin. Wie genau definierst du einen Nationalpark?

Im Nationalpark lässt man Pflanzen und Tieren freien Lauf und schützt sie vor (auch ungewollten) menschlichen Einflüssen. Nationalparks sind ein wichtiges Erbe für zukünftige Generationen. Forscher versuchen mithilfe eines Nationalparks herauszufinden, wie sich die Natur ohne den Einfluss von uns Menschen entwickelt. Unter diesem Schutzziel wird in der Kernzone eines Nationalparks beispielsweise der Borkenkäfer – im Gegensatz zu anderen Regionen in Deutschland –nicht bekämpft. Im ältesten Nationalpark Deutschlands, dem Nationalpark Bayerischer Wald (Gründung 1970),vermehren sich auch Luchse und Wolfe so wie sie es in Gebieten ohne menschlichen Einfluss tun würden. Hier sperren die Zuständigen beispielsweise Wege ab, damit der bedrohte Wanderfalke in Ruhe nisten kann. Wasserfälle, Hochmoore und Mischwälder entwickeln sich dort auf einer Fläche von 250 km² auf natürliche Art und Weise, ohne menschlichen Einfluss – wie im Dschungel.

Nachdem es mit dem Nationalpark Berchtesgaden 1978 einen weiteren Nationalpark gab, etablierte sich dieses Konzept in der gesamten Bundesrepublik. Heute existieren insgesamt 16 Nationalparks in Deutschland. Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, schaut am besten einmal hier nach.

Das Wort "Nation" in Nationalparks ist tatsächlich kein Zufall. Wie in anderen Ländern repräsentieren deutsche Nationalparks auch ein nationales Erbe und stehen unter der Verwaltung der deutschen Regierung. So bewahrt beispielsweise der Nationalpark Berchtesgaden bewusst traditionelle Praktiken wie die Fischerei am Königssee und die Almwirtschaft, die zu den Nutzungszielen eines Nationalparks gehören. Bei nur minimaler Nutzung der Parks finden Forscher heraus, wie natürliche Dynamik-Prozesse in der Natur funktionieren. Dieses Konzept schafft Wissen für zukünftige Generationen und eröffnet Perspektiven für einen „sanften Tourismus“.

Die ersten Nationalparks weltweit gab es in den USA. Dort wurde der Grundstein bereits 1872 gelegt – mit dem 1. Nationalpark der Welt, dem Yellowstone-Nationalpark. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wuchs das Netzwerk an amerikanischen Nationalparks, mit der Unterstützung amerikanischer Präsidenten wie Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson sowie Naturschützern wie John Muir und Aldo Leopold.

Der erste Ranger war übrigens Harry Yount, der 1880 im Yellowstone Nationalpark angestellt wurde, um die Fauna zu schützen und Bildungsprogramme durchzuführen. Ohne diesen „(Groß)Vater der Ranger“ hätte ich heute einen anderen Job 😉.

Und was ist ein Naturpark im Gegensatz zu einem Nationalpark?

Naturparke leben im Gegensatz zu Nationalparken von der Bewirtschaftung durch den Menschen. Sie sind also Flächen, die kulturell stark geprägt sind. Ein Beispiel in unserem Naturpark sind etwa die Wiesmahdhänge. Hier gibt es auch eine Prägung durch uns Menschen. Das Ziel für Naturparks ist die Bewahrung ihrer heutigen Form, ihrer nachhaltigen Nutzung und der Erhaltung kultureller Werte. Außerdem sollen sie für einen sanften Tourismus attraktiv werden. Alle Landschaften sowie die umfangreiche Arten- und Biotopen-Vielfalt stehen im Naturpark unter Schutz. Das ist im Nationalpark auch so, aber im Naturpark besteht der Schutz durch die Art der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung. Im Naturpark greifen also Wirtschaft, Erholung und Naturschutz ineinander. Bei Freiwilligen-Projekten haben Interessierte die Möglichkeit, sich an der Landschaftspflege zu beteiligen und so einen eigenen Beitrag zum Artenschutz zu leisten.

In einem Naturpark gibt es 4 Säulen oder Ziele, die wir in harmonischer Koexistenz mit der Natur erreichen möchten:

  • Naturschutz und Landschaftspflege
  • Erholung und nachhaltiger Tourismus
  • Bildung für nachhaltige Entwicklung
  • nachhaltige Regional-Entwicklung

In Deutschland gibt es derzeit 105 Naturparks, die über ¼ der staatlichen Fläche ausmachen. Zumeist kümmern sich Vereine oder kommunale Zweckverbände um die Naturparks. Unser Naturpark Ammergauer Alpen mit seinen 227km² besteht seit 2017 und ist somit der jüngste in Bayern.

Spielt auch die Größe von Nationalparks und Naturparks eine Rolle in der Definition?

Die Größe spielt eine Rolle in der Einordnung, wie welche Fläche ausgewiesen werden darf. Laut den "Bundesweiten Kriterien für Nationalparks", die von der Umweltminister-Konferenz verabschiedet wurden, sollten Nationalparks in Deutschland idealerweise eine Mindestgröße von 10.000 ha (100 km²) haben. Letztlich geht es darum, dass das Gebiet groß genug ist, um typische Ökosysteme in ihrem natürlichen Zustand zu erhalten. Es gibt jedoch auch Ausnahmen, und einige Nationalparks können kleiner sein, wenn sie einen besonders hohen Schutzwert oder eine besondere Bedeutung haben.

Die meisten Naturparks in Deutschland haben eine Mindestgröße von etwa 20.000 ha. Mindestens die Hälfte eines Naturparks muss als Naturschutz oder Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen sein, um den Namen „Naturpark“ zu erhalten.

Wie werden die Grenzen von Nationalparks und Naturparks festgelegt?

Die Grenzen von Nationalparks und Naturparks werden von Grundstückseigentümern und Akteuren aus Landwirtschaft und Tourismus sowie verschiedenen Ministerien in enger Abstimmung festgelegt. Da hier viele Menschen „am Werk“ sind, kann sich dieser Prozess manchmal jahrelang hinstrecken. In unserem Fall des Naturparks Ammergauer Alpen ist es ein bisschen einfacher gewesen, denn der Naturpark deckt sich mit der bestehenden Tourismus-Region, die sich zum Allgäu und nach Österreich hin auf natürliche Weise abgrenzt.

Gibt es bestimmte Pflanzen und Tiere, die besonders in den Parks geschützt werden?

Ja, manche Tiere und Pflanzen benötigen besonderen Schutz. So lebt in unserem Naturpark beispielsweise der Flussuferläufer, ein seltener, kleiner Vogel, dessen Lebensweise auf die natürliche Dynamik eines Wildflusses angewiesen ist. Im Frühjahr werden bei uns im Naturpark einige Kiesbänke an der Ammer, deren Struktur sich für die Brut und den Aufenthalt des Flussuferläufers eignet, mit Schildern gesperrt. Wanderer dürfen diese Kiesbänke von Mitte April bis Mitte Juli nicht betreten. In dieser Zeit sind wir als Ranger viel unterwegs und leisten Aufklärungsarbeit. Oftmals haben die Leute Fragen zu unseren Beschilderungen und wir sprechen gern mit den Menschen vor Ort.

Auch das Birkhuhn ist auf einen speziellen Lebensraum angewiesen, den wir unter Schutz nehmen. Im Winter beispielsweise baut sich das Birkhuhn an den Nordhängen von Berggraten Schneehöhlen. Zur Nahrungssuche wandern die Hühner in der Früh und abends aber an die Südhänge, da diese schneller schneefrei sind und dadurch Nahrung bieten. Werden sie zu dieser Zeit etwa von Skitouren-Geher gestört, gestaltet sich die Nahrungssuche im Winter als schwer. Im schlimmsten Fall verhungern die Birkhühner.

Über Beschilderung und Aufklärungsarbeit vor Ort versuchen wir den Besuchern diese Problematik näher zu bringen und ein Verständnis für sensible Lebensräume zu wecken.

Viele Wiesen, vor allem die Moorflächen, werden nur einmal im Jahr gemäht. Dies bietet wiesenbrütenden Vögeln wie dem Braunkehlchen ideale, aber leider heutzutage recht seltene Lebensräume. Die meisten Menschen wissen nicht, dass 75% aller Vögel nicht in Bäumen, sondern auf Wiesen brüten. Dafür brauchen die Tiere Ruhe und Schutz. Freilaufende oder stöbernde Hunde, die sich abseits der Wege in den Wiesen bewegen, stören die Vögel. Die Tiere können ihren natürlichen Brutprozessen nicht nachgehen. Was passiert? Sie fliehen und lassen ihre Eier zurück – die Eier kühlen aus oder werden in der Sonne zu heiß. Die Brut stirbt. Deshalb sprechen wir viel mit Hundebesitzern, denen oft gar nicht klar ist, dass sich zahlreiche Vogelarten mit ihren Nestern in den Wiesengründen niederlassen.

Dein Alltag als Ranger im Naturpark Ammergauer Alpen klingt wirklich spannend. Kannst du uns noch mehr Einblicke in Deine Arbeit geben?

Klar. Unsere Arbeit als Ranger im Naturpark Ammergauer Alpen gestaltet sich als äußerst vielschichtig. Wir haben sowohl in der Natur als auch im Büro viel zu tun.

Ob Winter, Frühling oder Sommer, es gibt je nach Saison immer bestimmte Schongebiete in unserem Naturpark, die wir beschildern. An den Wochenenden sind wir in den Gebieten aber auch viel unterwegs und schauen, ob die Beschilderung funktioniert, und sprechen mit Besuchern. An den Sonntagen zwischen April und Dezember bieten wir regelmäßig Führungen zu den verschiedensten Themen im Naturpark an. Hier werden wir von externen Spezialisten unterstützt, die spezielle Führungen, etwa zu Orchideen oder Kräutern, anbieten. Vor allem an den Wochenenden lebt unser Team von der Spontanität. Kurzfristig die Führung oder das Freiwilligen Projekt von Kollegen übernehmen gehören für uns Ranger hier im Naturpark ganz selbstverständlich dazu.

Das romantische Bild eines Rangers, der ständig durch die Natur streift, muss ich allerdings ein wenig aufbrechen (lacht). Schreibtisch-Arbeit gehört nämlich auch zu meinem Job. So bereiten meine Kolleg:innen und ich jährlich Besucher-Führungsprogramme vor. Zudem kommt das Geld für unseren Park nicht von ungefähr. Die Koordinatoren des Naturparks stellen Förderanträge, damit wir neue Projekte umsetzen und noch mehr Aufklärungsarbeit bei den Park-Besuchern leisten oder Landschaftspflege-Projekte umsetzen können. Dazu gehören auch kleine Arbeiten. Wenn wir z.B. eine neue Hecke auf unserer Klimawiese pflanzen möchten, müssen Planungen erstellt, Fördergelder beantragt und Angebote eingeholt werden.

Interessant. So eine wichtige Arbeit muss aber auch bezahlt werden. Wer finanziert die Naturparks?

Das stimmt. Naturparks sind Angelegenheit der Länder. Deshalb liegen Zuständigkeit und Finanzierung von Stellen und Ausrüstung beim jeweiligen Umwelt- und Naturschutzministerium, in unserem Fall also beim Bayerischen Staatsministerium für Umwelt- und Verbraucherschutz. Ein kleiner Finanzierungsanteil wird von den Gemeinden getragen. Für spezielle Projekte, beispielsweise für die Besucherlenkung oder Landschaftspflege, beantragen wir eigene Fördergelder.

Und wer ist eigentlich für die Verwaltung und Überwachung von Nationalparks und Naturparks verantwortlich?

Die Verwaltung und Überwachung von Nationalparks laufen über das Bundesministerium. Alle 10 Jahre nimmt es eine Voll-Evaluierung aller deutschen Nationalparks vor. Im fachlichen Austausch mit dem Umweltministerium werden bei uns im Naturpark die Aufgabenschwerpunkte regelmäßig dokumentiert und abgestimmt.

Haben Nationalparks und Naturparks Auswirkungen auf den Tourismus und die lokale Wirtschaft?

Ja, sowohl Nationalparks als auch Naturparks sind aufgrund ihrer fantastischen Landschaften wahre Tourismus-Magneten. Hier entstand der sogenannte „sanfte Tourismus“ und entwickelte sich stetig weiter. Unser Naturpark Ammergauer Alpen ist ein beliebtes Wander- und Radler-Gebiet für zahlreiche Urlauber und Einheimische. Bereits vor der Zeit als Naturpark hat sich in der Region eine gut funktionierende regionale Wirtschaft entwickelt, die eng an die Natur gekoppelt ist. So haben sich beispielsweise viele Landwirte zur Schaukäserei zusammengeschlossen und vermarkten ihre Produkte gemeinsam. Kräuter von den Wiesmahd-Hängen finden sich im Heulikör Kloster Ettal wieder. Ebenso besteht eine Zusammenarbeit zwischen Bergbahnen, Hütten und einem Bike Park. 

Mit Sicherheit gibt es Vorschriften für jeden, der einen Nationalpark oder Naturpark betritt. Wie sehen die aus?

Die gibt es. Jedes Naturschutzgebiet hat dabei seine eigene Verordnung, die online abrufbar ist.  Dabei handelt es sich z.B. um Camping- oder Lagerfeuer-Verbote. Außerdem bestehen einige Wege-Gebote, um sensible Moorflächen zu schützen oder Betretungsverbote für bestimmte Gebiete. Der Fokus unserer Aufklärungsarbeit als Ranger liegt jedoch in der Bewusstseinsstärkung und nicht darin, den Menschen Vorschriften zu machen. Am wichtigsten ist doch, dass die Besucher sich im Klaren darüber sind, dass hier (teils sehr seltene) Tiere leben und Rücksicht auf sie und die bestehende Pflanzenwelt nehmen. Das fängt bei der Lautstärke an und hört bei der Beachtung aller gesperrten Wege auf. Durch unsere Aufklärung wissen beispielsweise Hundebesitzer genau, wo sie ihre Vierbeiner laufen lassen dürfen und wo nicht. Letztlich geht es uns um das Verständnis fürs Große und Ganze: ein Miteinander von Freiräumen des Menschen und Lebensräumen sensibler und seltener Tiere und Pflanzen.

Wir könnten uns vorstellen, dass die Arbeit in einem Naturpark auf zahlreiche offene Ohren bei Freiwilligen stößt. Gibt es denn da Angebote?

Ja. Wir freuen uns im Naturpark Ammergauer Alpen immer über helfende Hände. So stehen unter dem Namen „Team Ammertal“ immer wieder gemeinschaftliche Projekte an, etwa bei Entbuschungen oder der Almpflege. Hier sind wir dankbar für tatkräftige Unterstützung. Wer sich dafür interessiert, schaut gern hier einmal vorbei.

Dominik, vielen Dank für das interessante Interview.

Herzlich gern.

 

 

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