© Florian Wagner

Holzschnitzerei in Oberammergau

Eine Jahrhunderte altes Kunsthandwerk

Oberammergau ist eines der bedeutendsten Zentren der europäischen Holzbildhauerei. Bereits seit Jahrhunderten wird Schnitzkunst aus dem Passionsspielort zunächst in ganz Europa, später auch in Übersee verkauft. Dafür wurde ein weit verzweigtes Vertriebsnetz aufgebaut, sodass die Holzbildhauerei ein wichtiger Wirtschaftszweig dieses Ortes wurde, der ihn bis heute sichtbar prägt.

Geschichte und Hintergründe zur Holzbildhauerei in Oberammergau

Warum entwickelte sich Oberammergau zu einem Zentrum der Schnitzerei?

Die bedeutendsten Schnitzerorte wie etwas das Grödnertal oder das Erzgebirge haben eines gemeinsam: Sie liegen alle im Gebirge. In den Bergen sind die Winter meist härter und länger, die Landwirtschaft dementsprechend über einen längeren Zeitraum nicht möglich als im Flachland. So auch in Oberammergau. Als weiterer Faktor für die Entwicklung dieser Industrie in Oberammergau gilt die unmittelbare zum Kloster Ettal. Ettal war schon früh ein bedeutendes Kloster und hatte einen hohen Bedarf an sakraler Kunst, die es in Oberammergau anfertigen ließ. Der Grundstein einer jahrhundertelangen Tradition.

Was wurde in Oberammergau geschnitzt?

Seit jeher hat die sakrale Schnitzerei in Oberammergau die größte Bedeutung. So fertigten manche große Werkstätten nichts anderes als Christusfiguren am Kreuz. Die Herrgottschnitzer von Ammergau waren überregional bekannt, wie auch der gleichnamige Roman (1880) und seine Verfilmung (1952) zeigen. Spaziert man heute durch Oberammergau, sieht man auch allerorten Heiligenfiguren jeglicher Couleur.
Im 19. Jahrhundert wuchs die Bedeutung der Herstellung von Spielzeug. Einfache Tierfiguren waren ebenso gefragt wie die Schnürlkasperl (auch bekannt als Hampelmänner).

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Um das Jahr 1520 wird von einem Chronisten im Kloster Ettal ein herausragender Herrgottsschnitzer in Oberammergau erwähnt. Allerdings kann davon ausgegangen werden, dass bereits zu diesem Zeitpunkt eine gewisse Tradition in der Holzbildhauerei bestand.

1563 erhielten die Oberammergauer Schnitzer durch den Abt des Klosters eine eigene Handwerksordnung.

Oberammergauer Schnitzer bei der Arbeit
© Florian Wagner

Aus dem Nebengewerbe entwickelte sich im 16. Jahrhundert ein Hauptgewerbe für ganze Holzschnitzerfamilien. Neben weiteren biblischen und christlichen Themen ist das Hauptmotiv für die Schnitzer der Leidende Christus am Kreuz in teils drastischer Darstellung.

Ende des 18. Jahrhunderts arbeitete die Hälfte der damals 900 Einwohner Oberammergaus im Kunsthandwerk.

Der Vertrieb der Schnitzwaren wurde damals von den sogenannten „Verlegern“ organisiert. Sie koordinierten den Handel und unterhielten feste Niederlassungen in vielen Städten Europas. Den Transport und Verkauf der Waren übernahmen hingegen die „Kraxenträger“. Mit schweren Kraxen auf dem Rücken zogen sie zu Fuß von Ort zu Ort und brachten die kunstvollen Schnitzarbeiten sogar bis nach St. Petersburg.

Heute erinnern das "Verlegerhaus" und die „Verlegergasse“ an die Händler von damals. In einigen Geschäften finden sich noch Nachbildungen der einstigen Kraxenträger.

Im Laufe der Zeit wird das Angebot christlicher Motive in erster Linie durch Spielzeug ergänzt. Angefangen bei ganz einfachen "Reifenfiguren", die mit wenig Aufwand in großen Stückzahlen hergestellt werden konnten, bis hin zu Schnürlkasperln, die in Oberammergau bis heute angefertigt werden.

 

Wo kann ich in Oberammergau Holzschnitzereien kaufen?

Und was umfasst das Angebot?

Wer Schnitzereien aus Oberammergau entdecken möchte, findet im Ortskern zahlreiche Werkstätten und Geschäfte mit traditioneller und moderner Holzkunst. Besonders lohnend ist ein Spaziergang durch die Schaufenster der Schnitzgeschäfte, in denen viele Arbeiten direkt vor Ort gefertigt werden. Informationen zu den Schnitzern und Betrieben bieten unter anderem der St.-Lukas-Verein sowie die Kunsthandwerker der Ammergauer Alpen.

Das Angebot reicht von klassischen Heiligenfiguren und Kruzifixen über kunstvolle Krippenfiguren bis hin zu modernen Holzskulpturen und individuellen Geschenkideen. Ob naturbelassen oder farbig gefasst: Viele Werke verbinden traditionelle Handwerkskunst mit zeitgemäßen Motiven. Darüber hinaus fertigen zahlreiche Schnitzer auch persönliche Sonderanfertigungen nach individuellen Wünschen an.

Die Holzbildhauerei in Oberammergau heute

Die enge Verbindung zwischen Oberammergau und dem Kunsthandwerk des Schnitzens ist bei einem Spaziergang durch den Ortskern unübersehbar. Zahlreiche Holzschnitzereien bieten Heiligen- und Krippenfiguren, Spielzeug oder auch andere Figuren jeglicher Art an. 

© Nicole Richter

Oberammergau Museum

Das Oberammergau Museum wurde 1910 zur Ausstellung lokaler Handwerkskunst gegründet. Hier besteht die Möglichkeit, noch mehr über die Geschichte des Handwerks zu erfahren.

Die Besucher können hier die Entwicklung der Schnitzerei in Oberammergau nachvollziehen.  Hampelmänner, Tierfiguren, Spielzeug, die bewegliche Festung von Scharnitz und überaus filigrane Feinschnitzereien sind hier zu entdecken.

Eine ganzjährige Krippenausstellung lädt Erwachsene wie Kinder zum Staunen ein. Höhepunkte sind dabei die historische Kirchenkrippe Oberammergaus oder auch Papierkrippen des berühmten Lüftlmalers Franz Seraph Zwinck.

© Stefan Hoecher

Die "Lebende Werkstatt"

 gibt dem Besucher einen umfassenden Einblick in eine Volkskunst, die nur in dieser Region anzutreffen ist. Die Künstler lassen sich dort nicht nur bei der Arbeit über die Schulter blicken, sondern beantworten gerne auch Fragen über die ganz bestimmten Techniken, Holzarbeiten oder Arbeitsweisen.

Geöffnet von Mai bis Mitte Oktober und in der Advents- und Weihnachtszeit - Dorfstraße 20. Der Eintritt ist frei.

© Hans-Dieter Budde

St. Lukas Verein

Viele Holzbildhauer und Schnitzer haben sich im St. Lukas Verein zusammengefunden. Sie kennzeichnen jedes ihrer handgeschnitzten Einzelstücke an der Unterseite mit einem Stempel „Handgeschnitzt Oberammergau“. Oder man erkennt sie an einer blau-weißen Raute, die an deren Geschäften angebracht ist: dem Markenzeichen der „Ammergauer Alpen Kunst Handwerker“, einer Art Qualitätssiegel.

© Emma Busch

Holzbildhauerschule Oberammergau

Die staatliche Holzbildhauerschule wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, allerdings zunächst als Zeichenschule für die Oberammergauer Schnitzer. Die Schüler sollten lernen, die Proportionen von Mensch, Tier und Landschaften zu erfassen und darzustellen. Wenn auch der Lehrplan heute weiter greit und die Holzbildhauerei in dieser Schule immer weiter entwickelt werden soll, der Ursprungsgedanke ist hier immer noch präsent. 

Die Schüler stellen im hauseigenen Ausstellungspavilllon und im Garten regelmäßig ihre Werke aus. Im Jahr 2026 ist im Garten beispielsweise eine Komposition verschiedener großer Pflanzenskulpturen, die an “Das große Rasenstück”, eine bekannte Aquarellzeichnung Albrecht Dürers erinnert, ausgestellt. Alle sind herzlich eingelade, diesers überdimensionale Ökosystem in Holz zu entdecken und auf sich wirken zu lassen.