© Dietmar Denger

Der Ammergauer Alpen Blog

Der Überlebenskampf der Tiere im Winter im Naturpark Ammergauer Alpen

Alpenschneehuhn im Ammergebirge
© Pixabay
Rothirsche im Wald
© Tobias Gerber

Der Naturpark Ammergauer Alpen hat mit seinen Lebensräumen Wiese, Wald, Moor, Fluss und Gebirge eine reichhaltige Fauna zu bieten. Die letzte Ausgabe beschrieb Tiere des Naturparks im Sommer. Nun werfen wir einen Blick auf die Überlebensstrategien im Winter.

„Warzi“ hat es im Winter vergleichsweise leicht. Die Heuschrecke, die eigentlich „Warzenbeißer“ heißt und seinem Kosenamen aus Maskottchen des Naturparks wurde, überwintert im Ei. Genau genommen legen im Sommer die Weibchen mit ihren Legeröhren Eier in den Boden. Die erwachsenen Tiere sterben im Herbst, doch die Eier liegen geschützt unter Erde und Gras – und später auch unter winterlichem Schnee. Bis im Frühling neue Larven der Warzenbeißer aus den Eiern geboren werden. 

Auch andere Insekten haben diesen Lebenszyklus. Wildbienen und etliche Schmetterlinge und Libellen. Amphibien, wie die stark gefährdete Gelbbauchunke und die Kreuzotter, Alpensalamander und verschiedene Froscharten verbringen den Winter in der Kältestarre, den sogenannten Torpor: Wird es kalt, verkriechen sie sich in Erdlöcher, Felsspalten und im Schlamm. Ihre Körpertemperatur fährt automatisch stark herunter: Stoffwechsel, Herzschlag und Atmung reduzieren sich auf ein Minimum. Den schlafähnlichen Zustand behalten die Amphibien bis ins Frühjahr nachhaltig bei. In einen bewussten Winterschlaf mit ähnlich eingeschränkten Lebensfunktionen verfallen Murmeltiere und Fledermäuse.

Das Schneehuhn färbt sich weiß

Viele Tiere im Naturpark Ammergauer Alpen bleiben im Winter jedoch wach. Und für sie beginnt spätestens im Dezember ein Überlebenskampf. Das Schneehuhn, dessen Tarnkleid sich bis zum Jahreswechsel langsam von Braun in Weiß verfärbt, bevölkert die höchsten Gipfel und Grate in über 2000 Metern Höhe. Dort versteckt es sich in Mulden oder selbst gegrabenen Schneehöhlen.

Immer wieder aber müssen die Tiere auf Nahrungssuche. „Sie fressen im Winter alles an Pflanzen, was sie noch irgendwie finden können“, erklärt Naturpark-Rangerin Deniz Göcen. „Vor allem Beeren, Knospen und Blätter von Pflanzen, die in dieser Höhe noch wachsen und aus dem Schnee heraus gescharrt werden können, etwa Heidekrautgewächse.“ Die Rangerin ist im Sommer auch an Schneehuhn-Beobachtungen beteiligt. Dabei sondert ein Lautsprecher am Rucksack Rufe eines Schneehuhn-Männchens ab. Ist ein echtes Männchen in der Nähe, reagiert es auf den Rivalen mit einem krächzenden Ruf. Der Bestand von Schneehühnern ist im Naturpark sehr gering: Nur drei Reviere mit einem Paar kennen die Ranger aktuell. Grund für den Rückgang ist vor allem der Klimawandel: Temperaturen von über 15 Grad werden auch auf den höchsten Bergen des Naturparks im Sommer immer öfter erreicht. Für die Schneehühner bedeutet eine solche „Hitze“ Stress – und auf Dauer sinkenden Bruterfolg.

Winterliche Schutzgebiete beachten

Ein bis zwei Stockwerke tiefer, im Bergwald, leben Birk- und Auerhühner, weitere Vertreter der so genannten Rauhfußhühner. Sie kauern oft im Schneemulden und suchen morgens und abends nach Nahrung: vor allem Nadeln und Knospen stehen auf dem Speiseplan. Um den Bestand zu überprüfen, findet im Naturpark alle drei Jahre ein Auerhuhn-Monitoring statt: zuletzt im vergangenen August. Ranger und freiwillige Helfer aus dem „Team Ammertal“ suchten 90 Orte im gesamten Naturparkgebiet nach typischen Auerhuhn-Spuren ab. „Wir halten Ausschau nach Trittsiegeln, Federn und dem Kot, der sogenannten ‚Losung‘“, erklärt Rangerin Theresa Filbig. 

Bisherige Erhebungen stimmen optimistisch: Birk- und Auerwild wird immer seltener. Ist in Bayern mittlerweile vom Aussterben bedroht. Schuld daran sind zu großen Teilen der Mensch. Im Winter schrecken Skitourengeher, Schneeschuh- und Winterwanderer, die im Bergwald unterwegs sind, die Tiere schon aus größerer Entfernung auf. Bei der Flucht verbrauchen sie zehnmal so viel Energie wie in Ruhe. Diese Energie fehlt bei der Nahrungssuche und wiederholten Fällen von Störung kann das den Rauhfußhühnern das Leben kosten. 

Das Naturparkteam bittet daher dringend alle Wintersportler, die ausgewiesenen Schutzgebiete zu meiden. 23 Wald-Wild-Schongebiete und Wildschutzgebiete gibt es im Naturpark. Bei letzterem droht beim Betreten sogar ein Bußgeld! Im Tourenportal Outdooractive sind die Schutzgebiete sowie aktuelle Wegsperrungen auf allen Karten gekennzeichnet. Außerdem stehen dort, auf der Internetseite des Naturparks, viele Skitouren, Schneeschuhrouten und Winterwanderwege, die in ihrer ganzen Länge naturverträglich sind.

Zugvögel leiden unter dem Klimawandel

Auch der Verlust von Fichtenwald durch die Klimaerwärmung macht dem Auer- und Birkwild zu schaffen. Generell bedroht der Klimawandel langfristig viele Alpenarten. Das betrifft auch Zugvögel, wie den Flussuferläufer, der im Sommer auf den Kiesbetten der Ammer brütet. Sowie die Wiesenbrüter aus den Moosgebieten: Braunkehlchen, Bekassine, Wiesenpieper und Wachtelkönig. Sie alle überwintern in Afrika. Wird es auf dem Planeten im Mittel wärmer, kehren sie früher nach Europa zurück. 

Da aber in den Bergen, wie im Naturpark Ammergauer Alpen, bis weit in den Frühling hinein noch frostige Nächte vorkommen, sind viele Insekten – die Hauptnahrungsquelle dieser Vögel – noch nicht in ausreichendem Maße aus ihren Eiern geschlüpft. Immer mehr Winter sorgt der Klimawandel auch in den Bergen für weniger Schnee. Birkwild und Auerhühner sind dicke Schneeschichten allerdings besser: darin können sie sich eingraben und vor Feinden wie dem Fuchs, Dachs und Uhu schützen. Zunehmend ausgeprägte milde und selbst im Gebirge regenreichere Wetterphasen verhindern ein solches Verhalten und – gerade in schneefreien Bereichen. 

Das Schneehuhn, das sein Federkleid schon in winterliche Weiß verwandelt hat, ist dann für seinen Hauptfeind, den Steinadler, leicht sichtbar. Vom „König der Lüfte“ leben bei den Ammergauer Alpen einige Brutpaare. Der Wappenvogel mit seinen über zwei Metern Flügelspannweite pflegt im Winter seinen Horst. Und auch wenn die Alttiere für ihre eigene Ernährung weniger jagen müssen als im Sommer, wenn ihr Nachwuchs da ist, ist ein schick getarntes Schneehuhn eine willkommene Beute. Oder ein Alpenschneehase der mit seinem weißen Tarnkkleid in schneefreien Wäldern oder Grasflanken ähnlich auffällt. 2025 war der Schneehase das Tier des Jahres in Deutschland. Oberhalb von 1300 Metern Höhe lebt er auch noch in den Ammergauer Alpen. 

Winterfütterung für den Rothirsch

Neben der Beachtung von Schutzgebieten und der Auswahl naturverträglicher Wege sollten Wintersportler unbedingt die Dämmerungszeiten am Morgen und Abend meiden. Denn dann gehen viele Wildtiere auf Nahrungssuche, auch die Hirsche. In staatlich ausgewiesenen Wildschutzgebieten werden sie in den Wintermonaten gefüttert. Ein Betreten ist wie in allen Schutzgebieten tabu, bis auf eine Ausnahme: Im Schattenwald bei Graswang laden die Bayerischen Staatsforsten im Januar und Februar zu öffentlichen Schaufütterungen um 16 Uhr ein. Vom Wanderparkplatz Schattenwald in Graswang ist es ein kurzer Spaziergang zu diesem besonderen Erlebnis.

Immerhin wird ein ausgewachsener Rothirsch 250 Kilogramm schwer und benötigt bis zu 20 Kilogramm Nahrung pro Tag. Früher zogen Hirsche im Winter ins Tal zur Nahrungssuche. Heute ist das durch Straßen, Bahnlinien und Ortschaften sowie die landwirtschaftliche Nutzung kaum mehr möglich. Ein Wildschutzgebiet mit nicht zugänglicher Fütterung liegt direkt oberhalb des Altherrenwegs, dem beliebten Höhenweg zwischen Ober- und Unterammergau über die Bergwirtschaft Romanshöhe. Der Weg selbst ist offizieller Winterwanderweg, beschildert und geräumt, doch Abstecher in die Wiesen und Wälder oberhalb sind im Winter tabu. Hunde müssen an die Leine genommen werden!

 

Der Klimawandel ändert die Winter in den Bergen – auch im Naturpark

Wurden früher Gipfel wie die Scheinbergspitze, Hochplatte oder Hochblasse nur von Skitourengehern bestiegen, so sind heute immer öfter auch Schneeschuhgeher und schneearme Perioden auch Winterwanderer. Wie bei den Skitourengehern ist eine wintertauglicheBergausrüstung bei diesen Sportarten ebenso erforderlich. Das betrifft geeignete Schutzkleidung, geeignete Schuhe, bei Winterwanderern auch Grödel, sowie ausreichenden Vorrat an Essen und Trinkwasser. Dazu wird im alpinen Gelände ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS), Sonde und Schaufel Pflicht. Denn auch wenn Südhänge oft wenig oder gar keinen Schnee haben, kann in angrenzenden Osthängen Schnee verweht sein – und dort besteht Lawinengefahr. Das gilt auch für vermeintlich einfache Berge. 

In der Wintersaison 2025/26 wird das August-Schuster-Haus, traditionsreiche Alpenvereinshütte auf dem Pürschling, zum ersten Mal seit einigen Jahren wieder regulär öffnen. Daher wird der winterliche Anstiegsweg, der ab Unterammergau fast 700 Höhenmeter überwinden, überwacht und gesichert. Mit viel zusätzlichem und ehrenamtlichem Einsatz der Bergwacht und des Lawinenwarndienstes Bayern. „Darüber hinaus aber betritt man alpines ungesichertes Gelände“, betont Deniz Göcen. Wer also vom Pürschling noch weiter auf den Teufelstättkopf will oder auf den Kofelsteig zum Kolbensattel hinüberquert, sollte seine wintertaugliche Bergausrüstung dabeihaben oder die Tour auf den Frühsommer verschieben.

 

Der Artikel stammt aus dem Naturpark Magazin, Ausgabe 16. Die komplette Ausgabe findest du hier.